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Das Subjekt HerrIn im eigenen Haus? Word Dokument PDF DoKument Drucken
Interview mit Gerhard Scheit von Elisabeth Lambrecht   
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Artikelinhalt
 
Das Subjekt HerrIn im eigenen Haus?
Ohnmacht des Subjekts
Subjektbegriff
Theorie des Antisemitismus
Auschwitz
 
Ist es in der modernen bürgerlichen Gesellschaft eigentlich angebracht, vom Subjekt zu sprechen? Oder anders gefragt, in wieweit bin ich „HerrIn im eigenen Haus“, in wieweit bin ich Gesellschaft und welche Vermittlungsschritte sind zu bedenken?

 

Wenn Subjekt heißt, vom Leib des einzelnen Individuums zu abstrahieren, um letztlich dessen Arbeitskraft per Vertrag disponibel zu machen, dann entspricht der Begriff doch sehr gut der bürgerlichen Gesellschaft. Jedenfalls aber trifft der Marxsche Begriff des „automatischen Subjekts“ für den „sich selbst verwertenden Wert“ ihren Kern, weil er zugleich festhält, dass die Individuen selber nur als Durchgangspunkte dieses Werts in Frage kommen. Das Subjekt ist aber nicht einfach die Wertform des Individuums: Das Individuum kann keine Wertform annehmen, nur seine Arbeitskraft. Indem die Arbeitskraft zur Ware wird, vermag umgekehrt jeder und jede Subjekt zu werden – nämlich Subjekt eines Vertrags, das heißt: es ist nicht mehr Sklave, und die Ausbeutung auf Basis des Vertrags ist die Voraussetzung dafür, dass der Wert sich verwertet, jenes „automatische Subjekt“ also funktioniert. Denn auch der Eigentümer der Produktionsmittel ist Subjekt nur qua Vertragspartner, er ist aber nicht Herr im eigenen Haus: denn dieser Herr ist der Wert.

Das ist allerdings nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite zeigt bekanntlich den Souverän, der den Vertrag deckt. Indem das Subjekt ihn abschließt, akzeptiert es nolens volens auch die staatliche Macht. Das ist aber nun eine Macht, die mehr verlangt, als nur, dass ich Geld und Waren tauschen muss, um zu leben. Sie ist zwar nicht Herr im eigenen Haus, wenn man darunter die Wirtschaft versteht, aber Herr über den Leib, das heißt: den Tod derer, die als Subjekte der Verträge gelten, die sie garantiert. Der Souverän ist zwar nur die andere Seite des Kapitalverhältnisses, aber als solche ist er im Unterschied zum Kapitalverhältnis, das buchstäblich immer dasselbe ist, stets ein ganz bestimmter Souverän, ganz bestimmt dadurch, dass er eben nicht nur das Gewaltmonopol ist, sondern als solches bewusst akzeptiert werden soll, was in der Krise vollständig virulent wird. Das heißt nun, das Subjekt des Vertrags akzeptiert zwar den Souverän – als die Macht, die den Vertrag garantiert, die Individuen können kann aber auch subjektiv beschließen, einen anderen Souverän, an seine Stelle zu setzen: das Spektrum solcher „Beschlüsse“ reicht von demokratisch veranstalteten Wahlen bis zu Revolutionen. Letztere sind sozusagen der deutlichste empirische Nachweis dafür, dass der Staat immer ein ganz bestimmter sein muss, dass die Bürger und Bürgerinnen, die einzelne Individuen, letztlich verantwortlich dafür sind, welchen Souverän sie als Herrn über den Tod anerkennen; insofern sind sie also auch in der bürgerlichen Gesellschaft und als Anhängsel des automatischen Subjekts Herrn im eigenen Haus, auch wenn sie unter ganz verschiedenen ökonomischen Bedingungen antreten, den Souverän jeweils anzuerkennen; insofern sind sie tatsächlich verantwortlich dafür, welche Gräuel dieser Staat begeht – ob er als zerfallender, wie im Nationalsozialismus, die Vertragsform selbst liquidiert und Vernichtung um der Vernichtung praktiziert, oder noch die Vernichtung im Zeichen der Krisenbewältigung dem Ziel der Selbsterhaltung des staatlichen Ganzen unterordnet, wie es den westlichen Typus des Souveräns kennzeichnet, der an der Vertragsform festhält.