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Wider den Begriff der Islamophobie Word Dokument PDF DoKument Drucken
Jungle World Nr. 32/2011   
Alle Zeichen der Öffentlichkeit deuten darauf hin, dass der Attentäter von Norwegen als Verkörperung des Begriffs Islamophobie in die Geschichte der Lügen dieser Öffentlichkeit eingehen soll. Der Anschlag sei demnach nur die logische Konsequenz des „Feindbilds Muslim“. Dabei zeigen Tat und Manifest in der unsagbaren Grausamkeit und der Methodik ihres Wahns, dass sein Motiv purer Neid auf den Islam ist. Der Attentäter teilt es in äußerster Steigerung mit bestimmten politischen Kräften, wie sie sich auf unmittelbar postnazistischem Grund etwa in der FPÖ zusammenfinden. Von Islamophobie ist nicht nur die Rede, um eine diesen Kräften entgegengesetzte, auf die Aufklärung sich berufende Kritik des Islams zu denunzieren. Der Begriff ist vielmehr erfunden, eben jenen Neid als ein Derivat des Antisemitismus unkenntlich zu machen.

Beneidet wird nämlich, dass der Islam verwirklicht, wozu man selbst nicht imstande ist oder woran man relativ erfolgreich gehindert wird; dass diese Religion gemeinschaftsbildend im politischen Sinn ist: dass der gläubige Muslim seinen Status als Überflüssiger auf dem Arbeitsmarkt nicht nur so gut erträgt, sondern daraus Stolz und Würde, in Gestalt des jihadistischen Kollektivs Kampfgeist gegen einen Feind gewinnt, den man als Hirngespinst mit den Jihadisten durchaus gemeinsam hat: die isoliert betrachtete, abstrakte Seite des Kapitals, in dieser oder anderen Form auf die Juden projiziert, das alle Gemeinschaften zersetzt.

So ist aber der als Hass hervortretende Neid auf den Islam letztlich nur von dessen eigenem antisemitischen Potential aus zu verstehen. Die Muslime stellen für den Antisemiten des Abendlands nämlich eine einzige große narzisstische Kränkung dar, wie sie keine andere der von ihm sonst noch verachteten und physisch bedrohten Gruppen von Immigranten bereit hält: Er sieht sich durch sie herausgefordert, das Abendland als das ‚konkrete’, das „schaffende Kapital“ nicht vor ‚fremden Rassen’ als der einbrechenden Natur oder was auch immer zu verteidigen (darum ist der oft als Alternative zur „Islamophobie“ vorgeschlagene Begriff „antimuslimischer Rassismus“ irreführend), sondern vor der wachsenden Macht einer religiösen Gemeinschaft, die gleichermaßen beargwöhnt wie beneidet wird, weil sie ganz ohne eigenes „schaffendes Kapital“ oder anders gesagt: ohne europäische Werte triumphieren kann – und der man, wegen ihres ausgeprägt judenfeindlichen Charakters, beim besten Willen auch nicht noch zu unterstellen vermag, dass sie ein Instrument des „raffenden Kapitals“, der Weltverschwörung des Judentums, sei.

Beim Attentäter von Norwegen hat dieser Neid sich offenkundig ins psychopathische Extrem gesteigert – wobei deutlich wird, dass es bei ihm genau die nichtstaatliche Gewalt selber ist, die ihn so sehr fasziniert, als das, was die Antisemiten des Abendlands der Zivilisation opfern und ans Gewaltmonopol abgeben mussten, damit das Kapitalverhältnis überhaupt durchgesetzt werden konnte. Der Jihad schafft, was man selbst nicht mehr vermag: terroristische Rackets zu formieren und so verkleidete sich dieser Führer, der keine Masse mehr hinter sich vereinen kann, mit den seltsamsten Phantasie-Uniformen.

Mit dieser pathologischen Intensivierung des postnazistischen Charakters hängt zusammen, dass er als Antisemit für Israel Partei ergreift, oder besser gesagt: für die Projektion, die er für Israel ausgibt, eine Art Tempelritter-Ordensgemeinschaft. Dazu ist es nötig, eine absolute Trennung zwischen Israelis und den Juden in der Diaspora vorzunehmen: Während Breivik in Europa „kein Judenproblem“ mehr erspäht, womit er post festum die Shoah bejaht, möchte er für die USA, wo er dieses „Problem“ betont, auch heute den Lösungsversuch Hitlers nicht ausgeschlossen wissen. So sucht er Deckbilder für jene Juden, die seinem israelischen Ritterorden nicht entsprechen, um sie in alter antisemitischer Weise als „Kulturmarxisten“ zu verfolgen und konzentriert sich hier wohl nicht zufällig auf die Frankfurter Schule, die schon immer als Inbegriff der „Verjudung“ galt.

Wer hier wie auch sonst von Islamophobie spricht, hat nichts anderes im Sinn, als Antisemitismus zu verschleiern. Es gibt keine Islamophobie. Es gibt Antisemiten, die entweder links oder rechts stehen, die für oder gegen den Islam sind. Und was bleibt, ist der Kampf gegen den Antisemitismus. Er schließt umso mehr die radikale Kritik des Islams ein, als dessen politische Theologie von den Antisemiten anderer Religionen und Parteien beneidet wird.