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Autonomie versus Engagement? Word Dokument PDF DoKument Drucken
Über Adorno und Brecht   
(Aus: Bahamas 62/2011)   

Artikelinhalt
 
Autonomie versus Engagement?
Kleiner Exkurs über den Schlusspunkt
Die Abstraktion und das Engagement
Das Geschäft des Fleischkönigs
Depersonalisierung und Freiheit
 
Dem Bild, das in der literarischen und politischen Öffentlichkeit von Bertolt Brecht vermittelt wird, scheint die Kritik, die Theodor W. Adorno einmal am Werk dieses Schriftstellers geübt hat, nicht assimilierbar. Adorno figuriert im Zusammenhang mit Brecht meist nur als dessen sporadischer Gesprächspartner oder als Kollege Hanns Eislers im kalifornischen Exil, über den mit den despektierlichen Notizen aus dem Arbeitsjournal oder apokryphen Anspielungen auf die Kritische Theorie aus dem Tui-Romanfragment alles gesagt sei. Dieser blinde Fleck, welcher der alten und der neuen Linken, den strukturalistischen wie marxistischen, postmodernen wie antiimperialistischen Brecht-Interpretationen gemeinsam ist, macht deutlich, dass es ein drängendes Bedürfnis gibt, den Widerspruch loszuwerden, den Adorno in der Deutung der Brechtschen Texte entfaltet hat. Mit dem Widerspruch geht nicht zuletzt eine politische Dimension verloren, die es erst erlaubte, einen anderen Begriff von Engagement zu formulieren als den allseits geläufigen, mit dem Adorno im Engagement-Essay zu Gericht ging. In seiner Ästhetischen Theorie aber heißt es, durch Brecht sei „das Selbstbewußtsein des Kunstwerks als eines Stücks politischer Praxis dem Kunstwerk als Kraft wider seine ideologische Verblendung zugewachsen. Brechts Praktizismus wurde zur ästhetischen Formante seiner Werke und ist aus ihrem Wahrheitsgehalt, einem unmittelbaren Wirkungszusammenhängen Entrückten, nicht zu eliminieren.“ [1] Adornos Theorie spürt damit einer allgemeineren politischen Bedeutung nach – allgemeiner als die, der Brecht vorgibt zu folgen. Diese Bedeutung zu erschließen, verlangt die Konzentration auf die Form. „In seinen Stücken gewannen die Thesen eine ganz andere Funktion als die, welche sie inhaltlich meinten. Sie wurden konstitutiv, prägten das Drama zu einem Anti-Illusionären, trugen bei zum Zerfall der Einheit des Sinnzusammenhangs. Das macht ihre Qualität aus, nicht das Engagement, aber sie haftet am Engagement, es wird zu ihrem mimetischen Element. Brechts Engagement tut dem Kunstwerk nochmals gleichsam an, wohin es geschichtlich von sich aus gravitiert: zerrüttet es.“ [2] Die Zerrüttung zeigt sich in der „Zeitkunst“ von Drama und Theater am nachdrücklichsten am Problem des Schlusses, wie Adorno an einer Stelle mehr andeutet als ausführt: „Einmal der Konvention ledig, vermag offenbar kein Kunstwerk mehr überzeugend zu schließen, während die herkömmlichen Schlüsse nur so tun, als ob die Einzelmomente mit dem Schlußpunkt in der Zeit sich auch zur Totalität der Form zusammenfügten.“ [3] Eben dieses Problem sei bei Brecht zugespitzt, wobei Adorno darauf verzichtet, nun die einzelnen „Schlüsse“ der Stücke anzugeben, geschweige denn zu analysieren. Deren Spektrum, das einer eingehenden Untersuchung wert wäre, reicht vom beängstigenden Chaos am Ende von Mahagonny: „Können uns und euch und niemand helfen“ bis zum sentenziösen Schluss des Guten Menschen von Sezuan, der dann mit einiger Konsequenz im Literarischen Quartett kulturindustriell zu Tode zitiert wurde: „Der Vorhang zu und alle Fragen offen“. [4]