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Das Sein ohne Juden: Word Dokument PDF DoKument Drucken
Über Martin Heidegger   
(Überarbeitete und gekürzte Fassung des Heidegger-Kapitels aus Die Meister der Krise. Über den Zusammenhang von Vernichtung und Volkswohlstand. Freiburg: Ça ira 2001; zuerst erschienen in: Zwischenwelt. Zeitschrift für Kultur des Exils und des Widerstands 18. Jg./2001, H. 1 u. 2)   

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Das Sein ohne Juden:
Der Meisterdenker der Krise
Heidegger und der NS-Staat
 
Heidegger und der NS-Staat

Aber die Intellektuellen ließe ich alle aufhängen, und die Professoren einen Meter höher als die andern; sie müßten an den Laternen hängen bleiben, solange es sich irgend mit der Hygiene vertrüge.

Tagebucheintragung von Victor Klemperer, 16. August 1936 [30]

 

Während Heideggers Rektorat an der Freiburger Universität wurden alle Dozenten und Professoren jüdischer Herkunft in den vorzeitigen Ruhestand versetzt und u.a. eine Pflichtvorlesung für alle Studierenden über „Rassenkunde“ eingeführt. In seinen eigenen Vorlesungen und Schriften dieser Jahre enthält sich Heidegger so gut wie jeder antisemitischen und unmittelbar rassistischen Bemerkung über alle jene, die nun als Nichtarier offen und von Staats wegen ausgegrenzt und verfolgt wurden. Es ist ein eigenartige Paradoxie: einerseits findet sich bei Heidegger kaum eine einzige offen antisemitische Äußerung — und doch bezeichnet er sich selbst (gegenüber Hannah Arendt) als „Antisemit“. [31] Heidegger streicht sozusagen die Fußnoten des deutschen Idealismus: er sieht von der Personifizierung des Real-Abstrakten, wie es der Antisemitismus besorgte, vollkommen ab; sie bleibt die Leerstelle einer Philosophie, die ganz erfüllt ist von der Konstruktion des Volkes: „von der wissenden Entscheidung, durch die das Volk zu sich selbst drängt. (...) Dieses Wissen ist der Staat selbst.“ [32]

Was die kritischen Thesen, die Heinz Langerhans 1934 in Untersuchungshaft zu Papier brachte, als allseitige Vorbereitung der Vernichtung durchschauten: die Einfügung des Kapitalteils Lohnarbeit ins Staatssubjekt Kapital, bringt Heidegger etwa zur selben Zeit im universitären Festsaal auf die Formel: „Der nationalsozialistische Staat ist der Arbeiterstaat.“ [33] Denn es gebe „nur einen einzigen deutschen ,Lebensstand‘. Das ist der in den tragenden Grund des Volkes gewurzelte und in den geschichtlichen Willen des Staates frei gefügte Arbeitsstand, dessen Prägung in der Bewegung der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei vorgeformt wird.“ [34] Der „zur Arbeit gekommene Volksgenosse“ soll erfahren, „daß er nicht weggeworfen und im Stiche gelassen ist, daß er in die Volksordnung hineingehört und daß jeder Dienst und jede Leistung je ihren eigenen durch andere Leistungen und Dienste vertretbaren Wert besitzt (...) Arbeit ist uns der Titel für jedes Tun und Handeln, das von der Verantwortung des einzelnen, der Gruppe und des Staates getragen wird und so dem Volke dienstbar ist.“ [35]

In diesem Sinn gilt für jede Arbeit, sei’s in der Fabrik oder an der Universität: sie ist gleich unmittelbar zum Staat: „Wir können nicht mehr von einem Verhältnis zum Staat sprechen, weil die Universität selbst Staat geworden (...).“ [36] Damit macht Heidegger auch die praktischen Konsequenzen aus der Einfügung des Kapitalteils Lohnarbeit ins Staatssubjekt Kapital deutlich: Arbeit resultiert in Vernichtung, es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Arbeit und Zerstörung, Massenproduktion und Massenmord. Die dem Volk dienstbare Arbeit resultiert in dem Willen zur Vernichtung. Und im Sinne dieses Willens schließt Heidegger mit dem Wunsch, „daß das deutsche Volk als Volk der Arbeit seine gewachsene Einheit, seine einfache Würde und seine echte Kraft wiederfinde und als Arbeiterstaat sich Dauer und Größe verschaffe. Dem Mann dieses unerhörten Willens, unserem Führer Adolf Hitler ein dreifaches ,Sieg Heil!‘“ [37]

Heideggers Sprache aber galt im Nationalsozialismus als unverständlich und zu preziös. Sie blieb im wesentlichen auf der Ebene von Sein und Zeit: anstelle von ,Verjudung‘ und ,jüdischer Verschwörung' spricht Heidegger vom Andrang des „Dämonischen“ und von der „bodenlosen Organisation des Normalmenschen“ in Rußland und Amerika, die das deutsche Volk in die Zange nehme [38]; anstelle von Rasse und Vernichtung, von Volk und Tod. Statt zu sagen: „Ein Staat, der im Zeitalter der Rassenvergiftung sich der Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet, muß eines Tages zum Herrn der Erde werden“ [39] - heißt es bei ihm in umständlichen Windungen: „Das in seinen Staat sich hineingestaltende Volk wächst hinaus zu seiner Nation. Und diese Nation übernimmt das Schicksal ihres Volkes. Und solches Volk erringt sich einen geistigen Auftrag inmitten der Völker und schafft sich seine Geschichte. Dieses Geschehen aber langt weit hinaus in das schwere Werden einer dunklen Zukunft.“ [40]

Die Windungen seiner Sprache resultieren daraus, daß Heidegger das ideologische Zentrum des nationalsozialistischen Staats - rassistische und antisemitische Projektion - ausspart, und ihn zugleich in toto - also mit seinem Zentrum - bejaht. Zu dieser eigenartigen Konstellation gehört nicht zuletzt Heideggers notorische Humorlosigkeit, denn was deutscher Humor ist, kommt ohne antisemitische Karikatur nicht aus, in deren konkreter Gestalt alles negativ empfundene Abstrakte abgespalten wird. Daß aber die Philosophie Heideggers im Kern völkisch, rassistisch und antisemitisch ist, obwohl sie das Feindbild dieser Projektionen - das Gegen-Volk - nicht beim Namen nennt und auf deutschen Humor verzichtet, wird nicht allein durch das praktische Engagement des Philosophen für den Nationalsozialismus bestätigt, sondern unmittelbar an der Art und Weise deutlich, wie er nun das eigentliche Volk selbst konkretisiert, von dem in Sein und Zeit nur ganz abstrakt die Rede war. Mit einem Schlag wird sichtbar, was Heidegger unter dessen „geistiger Welt“ abhandelt: nichts anderes als eine vornehme Rassenkunde, eine, die sich einfach nur scheut, das Wort Rasse in den Mund zu nehmen: „die geistige Welt eines Volkes ist nicht der Überbau einer Kultur, sowenig wie das Zeughaus für verwendbare Kenntnisse und Werte, sondern sie ist die Macht der tiefsten Bewahrung seiner erd- und bluthaften Kräfte als Macht der innersten Erregung und weitesten Erschütterung seines Daseins.“ [41]

Carl Schmitt, der ähnlich wie Heidegger das Volk als eine „durch Art und Ursprung, Blut und Boden bestimmte Lebenswirklichkeit“ [42] begreift, war da als Staatsrechtslehrer in einer prinzipiell anderen Situation. Wer nicht das Sein oder das Dasein, sondern den Staat und seine Gesetze zum Gegenstand hatte, mußte in Sachen Antisemitismus jederzeit Farbe bekennen. Eine Scheu, zum Volk auch das „Gegenvolk“ zu beschwören, wie sie für Heidegger charakteristisch ist, konnte und wollte sich Schmitt nicht leisten, wenn er gegen den Positivismus in der Rechtslehre zu Felde zog und den Staat substantialisierte. [43]

Vor diesem Hintergrund werden alle Versuche, Heidegger vom Nationalsozialismus reinzuwaschen, kenntlich: Jacques Derrida etwa meint, daß sich Heidegger in der Rektoratsrede vom Nationalsozialismus abgehoben habe, weil er den Begriff des „Geistes“ aufnahm; [44] Pierre Bourdieu wiederum schließt ihn als Vertreter des ,revolutionären Konservatismus‘ vom Nationalsozialismus aus, als handle es sich hier wie überall um eine Frage des Milieus. [45] Solche Versuche können sich stets auf bestimmte Momente des Heideggerschen Denkens berufen, worin sich der Philosoph tatsächlich vom Nationalsozialismus abhob — aber in genau jenem Sinn, in dem der Take off Nachkriegsdeutschlands bereits inmitten Hitlerdeutschlands stattfand. Wer Heidegger liest, kann sich dem Eindruck kaum entziehen, daß dieser Philosoph von Anfang an über den Nationalsozialismus hinaus gedacht hat, insofern er nämlich nicht nur wie die gewöhnlichen Nazis vom Endsieg träumt als der Erlösung und endgültigen Erringung von Macht und Wohlstand für die Deutschen, sondern dieses Wunschdenken auf einer höheren Abstraktionsebene abbildet, wo es in der Sprache einer Ontologie des Werts beschrieben werden kann: Arbeit und Kampf für diesen Staat heißt, der Übermacht des Seienden zu wehren, um dem Sein gerecht zu werden; heißt, der Überproduktion von Gebrauchswerten und dem Überschuß an Arbeitskräften Vernichtung und Krieg entgegensetzen; durch unbedingte Identifikation mit dem Staat, die Widersprüche des Kapitals im Sinne des Kapitals aufheben: „Erschwerung gibt den Dingen, dem Seienden, das Gewicht zurück (das Sein).“ [46]

Heideggers Philosophie im Nationalsozialismus erscheint vielmehr als Staat im Staate, als kleines Drittes Reich inmitten des großen. Und die ungetrübte Harmonie zwischen beiden währte nur kurze Zeit. In seiner grundlegenden Studie über Heidegger und den Nationalsozialismus bringt Victor Farias das Schicksal dieser Philosophie mit der Niederlage der linken Nazis der SA in Zusammenhang, die durch die sogenannte Nacht der langen Messer besiegelt wurde. Farias sieht Heidegger geradezu als philosophischen Repräsentanten jener Fraktion des Nationalsozialismus und leitet diese Position aus Heideggers antibürokratischer Auffassung der nationalsozialistischen Revolution ab: „Heidegger hatte sich die Überzeugung Röhms zu eigen gemacht, daß der Versuch, sich im bürokratischen Staatsapparat einzurichten und ihn funktionstüchtig zu erhalten, keineswegs die ,vollständige Umwandlung des deutschen Daseins‘ darstellte.“ [47] Farias zitiert in diesem Zusammenhang Heideggers eigene Darstellung seines Rücktritts vom Freiburger Rektorat, worin explizit aufs Datum des „Röhm-Putsches“ Bezug genommen wird: „Ich war mir über die möglichen Folgen der Amtsniederlegung im Frühjahr 1934 klar; ich war mir darüber vollends klar nach dem 30. Juni desselben Jahres. Wer nach dieser Zeit noch ein Amt in der Leitung der Universität übernahm, konnte eindeutig wissen, mit wem er sich einließ.“ [48]

Die vielen Tage und Nächte seit dem 30. Januar 1933, in denen bereits Juden und Jüdinnen erniedrigt, verfolgt und getötet worden waren, hatten also dem Philosophen des Nationalsozialismus offenkundig noch garantiert, mit den Richtigen, mit der deutschen Revolution im Bunde zu sein. Darum auch bedeutete die Amtsniederlegung keineswegs eine Abkehr vom Nationalsozialismus. Heidegger blieb nicht nur Parteimitglied bis zuletzt, sondern suchte von der unbürokratischen Position des reinen Philosophen aus weiterhin den ursprünglichen Gedanken der nationalsozialistischen Revolution wachzuhalten. Gerade in der unmittelbaren Vorbereitung und in der Durchführung des Vernichtungskriegs sollte er bald nach 1934 die erneute Möglichkeit einer vollständigen Umwandlung des deutschen Daseins erblicken. Davon legen bereits die Vorlesungen zur Einführung in die Metaphysik von 1935 Zeugnis ab - und noch, ja in verstärktem Maß die Vorlesungen über Heraklit von 1943/44. „Rußland und Amerika sind beide, metaphysisch gesehen, dasselbe; dieselbe trostlose Raserei der entfesselten Technik und der bodenlosen Organisation des Normalmenschen.“ [49] Die bedrohlichen Aspekte der abstrakten Seite der Warenproduktion, der Verwertung des Werts und der industriellen Massenproduktion, werden zwar nicht personifiziert im Judentum, aber projiziert auf Amerika und Rußland. Heideggers Philosophie gelingt es immer präziser, jene Aufgaben zu erfüllen, die sonst dem Antisemitismus zukommen: „Die vorherrschende Dimension wurde die der Ausdehnung und der Zahl (...) All dieses steigerte sich dann in Amerika und Rußland in das maßlose Und-so-weiter des Immergleichen und Gleichgültigen soweit, bis dieses Quantitative in eine eigene Qualität umschlug.“ [50] - „Nunmehr ist dort die Vorherrschaft eines Durchschnitts des Gleichgültigen nicht mehr etwas Belangloses und lediglich Ödes, sondern das Andrängen von Solchem, was angreifend jeden Rang und jedes welthaft Geistige zerstört und als Lüge ausgibt. Das ist der Andrang von jenem, was wir das Dämonische (im Sinne des zerstörerisch Bösartigen) nennen.“ [51]

Hier ist Heidegger ganz nahe an der antisemitischen Personifizierung - Richard Wagner etwa sprach von ,dem Juden‘ als dem „plastischen Dämon des Verfalls der Menschheit“ [52], Alfred Rosenberg vom „Dämon des ewigen Verneinens“ [53]. Aber auch hier weicht Heidegger doch der eindeutigen Identifizierung aus und beschwört stattdessen die Identität, die diesem Dämonischen den Garaus bereiten soll: „Wir liegen in der Zange. Unser Volk erfährt als in der Mitte stehend den schärfsten Zangendruck, das nachbarreichste Volk und so das gefährdetste Volk und in all dem das metaphysische Volk. Aber aus dieser Bestimmung, derer wir gewiß sind, wird sich dieses Volk nur dann ein Schicksal erwirken, wenn es in sich selbst erst einen Widerhall, eine Möglichkeit des Widerhalls für diese Bestimmung schafft und seine Überlieferung schöpferisch begreift. All das schließt in sich, daß dieses Volk als geschichtliches sich selbst und damit die Geschichte des Abendlandes aus der Mitte ihres künftigen Geschehens hinausstellt in den ursprünglichen Bereich der Mächte des Seins.“ [54]

Diese Ontologie des Vernichtungskriegs verstärkte sich in den letzten Jahren des Dritten Reichs — je aussichtsloser die Situation für den Staat wurde, desto größer die Hoffnung auf die Mächte des Seins: so wurde Heidegger zum Durchhaltephilosophen par excellence. „Wir wissen heute, daß die angelsächsische Welt des Amerikanismus entschlossen ist, Europa, und d.h. die Heimat, und d.h. den Anfang des Abendländischen, zu vernichten. (...) Was immer und wie immer das äußere Geschick des Abendlandes gefügt werden mag, die größte und eigentliche Prüfung der Deutschen steht noch bevor, jene Prüfung, in der sie vielleicht von den Nichtwissenden gegen deren Willen geprüft werden, ob sie, die Deutschen, im Einvernehmen sind mit der Wahrheit des Seyns, ob sie über die Bereitschaft zum Tode hinaus stark genug sind, gegen die Kleingeisterei der modernen Welt das Anfängliche in seine unscheinbare Zier zu retten (...) Das Wesen des Menschen ist aus den Fugen. Nur von den Deutschen kann, gesetzt, daß sie ,das Deutsche‘ finden und wahren, die weltgeschichtliche Besinnung kommen. Das ist nicht Anmaßung, wohl aber ist es das Wissen von der Notwendigkeit des Austrages einer anfänglichen Not.“ [55]