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Postnazistische Anstalt Word Dokument PDF DoKument Drucken
Lehrjahre zwischen Jargons — am Beispiel der Theaterwissenschaft   
(In: Theaterwissenschaft und Postnazismus. Reader. Redaktion: Stefanie Elias, Sarah Kanawin, Tom Ogrisegg, Sara Vorwalder, Florian Wagner. Wien 2009)   

Artikelinhalt
 
Postnazistische Anstalt
II
III
 

 

In memoriam Paul Stefanek

I

Das Institut für Theaterwissenschaft in Wien, wie ich es Ende der siebziger Jahre kennenlernte, erfüllte nicht nur allgemein die Kriterien einer postnazistischen Anstalt. Der familiäre Charakter, der hier den Ton angab; die unabwendbare Nähe und Vertrautheit im Umgang, noch in der Intrige und im Hass — all das stellt sich retrospektiv als minutiös ausgeführtes Abbild einer Nation dar, die zunächst wesentlich in der Fähigkeit bestand, „sich klein“ zu machen (Jean Améry) [1], um nach dem nazistischen Größenwahn als „erstes Opfer“ Hitlerdeutschlands durchzugehen. Das brachte die Bürger einander näher, näher etwa als in Westdeutschland, so nahe, dass jede bürgerliche Distanz in den öffentlichen Beziehungen zuschanden gehen konnte. Die Enge, die einen geistig fast ersticken ließ, lag demnach sowenig an der geographischen Kleinheit des Landes wie die Atmosphäre am Institut an den eigenartig angelegten Räumlichkeiten in der Hofburg, die aber dafür wie geschaffen sind. Sie resultierte aus dem Verhältnis zu den gemeinschaftlich begangenen Verbrechen, dessen singuläre Verlogenheit nur Karl Kraus ahnen konnte: „Mit einem frohgemuten ,Wir kennen uns ja eh’‘ stellen sich die Wiener Persönlichkeiten vor, und es braucht lange Zeit, bis es unsereinem gelingt, sie verkennen zu lernen.“ [2] Dieses „eh“ baute die Kultur wieder auf und schrieb Wissenschaftsgeschichte: „Es mag an der Wesensart der Österreicher liegen“, erläuterte frohgemut Heinz Kindermann 1961, „an ihrer sehr beweglichen, leicht anpassungsfähigen Art, das Leben zu meistern und sich selbst zu inszenieren, dass sie sich der Kunstform des Theaters näher wissen als viele anderen Völker, auch näher als viele andere Angehörige des deutschen Sprachgebietes.“ [3]

In bestimmter Hinsicht aber war das Institut des anpassungsfähigsten aller Professoren von Anfang an als postnazistisches konzipiert worden. Kindermann hatte bei seiner Gründung die gesamteuropäische „völkerverbindende“ Orientierung der Forschung betont — als „Beitrag zum Werden des neuen Europas“ [4]: sie entsprach genau der völkerverbindenden, gesamteuropäischen Endlösung der Judenfrage. Carl Schmitt schrieb auch schon 1939 von der „großen politischen Idee, der Achtung jedes Volkes als einer durch Art und Ursprung, Blut und Boden bestimmten Lebenswirklichkeit“ [5], und diese Lebenswirklichkeit, die den europäischen „Völkern“ zugestanden wurde, war nur ein anderes Wort für die Vernichtung, die auf ein einziges Volk — das „Gegenvolk“, den „Völkerfeind“, „die jüdische Gegenrasse“ (Alfred Rosenberg) [6] — zielte, so wie der nationalsozialistische Rassismus letztlich die einzelnen „Völker“ jeweils einstufte nach ihrer Bereitschaft und Fähigkeit, zu dieser Vernichtung beizutragen. Völkerverbindung im Namen der Ausrottung der Juden: darauf beruhte auf internationaler Ebene die nationalsozialistische Politik — und wurde zum unabgegoltenen Erbe einer Europäischen Union, der Hisbollah-Führer als Verhandlungspartner gelten.

Die Arbeiten zur Theatergeschichte Europas, die Kindermann dann Ruhm und Anerkennung brachte und die noch nach seiner Emeritierung als Pflichtlektüre galt, begannen zu dieser Zeit der Institutsgründung. Was immer auch der postnazistischen Gesellschaft Wohlstand und Kultur einbringen konnte, es beruhte auf den Resultaten des Massenmords an den Juden. Als „sekundäre Volksgemeinschaft“ [7] kann sie aber begriffen werden, insofern sie aus diesem einzigartigen politischen Verbrechen auch ihre ideologische Einheit gewonnen hat und es gleichwohl nur auf ,verschobene‘ Weise zur Sprache bringen durfte. Das vielzitierte Verschweigen war demnach von Anbeginn sehr geschwätzig, Adorno nannte die erste Ausprägung davon den Jargon der Eigentlichkeit, [8] und in der besonders ausgeprägten postnazistischen Anstalt in Wien wurde er auch besonders ausdauernd gesprochen, noch lange, nachdem er in Westdeutschland desavouiert war.

So war die Sprache das Schrecklichste, wenn man an diesem Institut zu studieren begann: sie bewahrte dessen Ursprung auf und verdeckte ihn zugleich. Dazu gehörte nicht zuletzt der antikapitalistische Wahn, der ständig nach Verkörperung und Personifizierung aller als negativ empfundenen Erscheinungen der bürgerlichen Gesellschaft strebt. Nur durfte eben jetzt vom Juden „in seiner ganzen böswilligen Freundlichkeit, seinem berechnenden Geiz und seiner unterwürfigen Niedrigkeit“ (Margret Dietrich 1944) [9] nicht mehr die Rede sein, und darum waren es „Dämonen“, die einen verfolgten und die es abzuwehren galt, sie können „die Namen Diktatur, Wirtschaftswunder, das Nichts, Einsamkeit, Ohnmacht oder götterloser Himmel tragen“; Aufgabe des Theaters aber sei, „uns hinterher aufatmen [zu] lassen, damit wir mit befreiter Brust das Joch der Dämonen wieder auf die Schultern nehmen können; dann werden wir von ihnen nicht erwürgt.“ (Margret Dietrich 1963) [10] Hier ist dieser postnazistische Jargon auf den Punkt gebracht: man kann den Juden Auschwitz nicht verzeihen, aber weil man nicht wagt, das auszusprechen, wie sollte man es auch begründen, werden die „Dämonen“ herbeibeschworen.