| Engagement ohne Sartre |
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| Zur Kritik der europäischen Neokonservativen | ||||||||||
| (Aus: Bahamas Nr. 56/2008) | ||||||||||
Ein Neokonservativer, sagt Irving Kristol, sei ein Liberaler, „who has been mugged by reality“ (Kristol 1995: 176). Der Überfall der Realität auf die liberalen Ideen läßt deren Verteidiger zu den Ursprüngen der Demokratie zurückkehren, sei’s die amerikanische Revolution oder die Polis im alten Athen. Die ersten, die das im Angesicht des schlimmsten aller denkbaren Überfälle taten, waren politische Intellektuelle aus Deutschland wie Hannah Arendt, Leo Strauss, Eric Voegelin … Und an ihnen orientierten sich vielfach jene amerikanischen Liberalen, die dann in den 60er Jahren das Fürchten lernten angesichts einer immer deutlicher antiwestlich ausgerichteten Linken. Wenn Hannah Arendt im Geist von Kants Aufklärung nicht nur religiöse und autoritäre Bindungen delegitimierte, sondern mit Kants Ewigem Frieden auch mancher politischen Illusion anhing, erschienen offenbar Leo Strauss und Eric Voegelin verläßlicher, da sie doch ihren Hobbes und Bodin studiert hatten, in deren Sinn sie auch die Bedeutung von Religion und Autorität für die Erhaltung der Freiheit neu bestimmen wollten. Inspiriert von Platon vermittelten sie eine neue, politische Legitimierung bestimmter Traditionen der jüdischen Religion (Strauss) oder des Christentums (Voegelin) und suchten ganz allgemein vormoderne Rationalität zu rehabilitieren. Der Rückgriff auf vorkapitalistische Bewußtseinsformen, der den Rechten gemeinhin so lieb ist, daß sie jede Freiheit dafür hingeben, ist nun aber gerade nicht als Aushöhlung von Gewaltenteilung und individueller Freiheiten, sondern im Gegenteil als deren erforderlicher Beistand gedacht — Gegengewicht zur selbstzerstörerischen Tendenz der Gesellschaft, die ständig neue Krisen hervorbringt und darin auch noch das Minimum an Freiheit, das lebensrettend ist, einzubüßen droht. Eine solche Deutung war und ist glaubhaft nur im Vertrauen auf ein Land wie die USA möglich, wohin Arendt, Strauss und Voegelin ja geflüchtet waren. Aber auch dieses Vertrauen, das auf Revolution und Geschichte der westlichsten Nation baut, kann jederzeit enttäuscht werden. Und nachvollziehbar sind die unterschiedlichen neokonservativen Schlüsse, die Arendt, Strauss und Voegelin aus ihren philosophiegeschichtlichen Reminiszenzen ziehen, ohnehin nur soweit, als darin der Bruch mit der deutschen Ideologie erfolgt — einer Ideologie im übrigen, die sie durch ihre ,Lehrer‘, Heidegger und Schmitt, zunächst von innen kennengelernt hatten und damit besser kannten als alle griechische Philosophie, die ihnen wenig später als Ausweg erschien. Der Bruch muß jedoch in der Frage des Antisemitismus erfolgen, und das ist der Prüfstein ihrer Theorien — so wie die Neocons von heute sich am hellsichtigsten dann erweisen, wenn sie den Kampf gegen Antizionismus als Primat des Politischen setzen. Podhoretz, der schon klarsichtig gegen Arendts Eichmann-Buch polemisiert hatte, erkannte bereits in den 70er Jahren in der Feindschaft gegen Israel die neue globalisierte Version von Antisemitismus [2]; vom Protest gegen die Nahostpolitik unter Carter, worin sich die Neocons außenpolitisch profilierten, führte der direkte Weg zur heutigen Erkenntnis, daß man es weltweit mit der Bedrohung durch „Islamofascists“ zu tun habe, wobei selbst der Totalitarismustheorie zu ihrer Wahrheit verholfen wird: „the influence first of Nazism and then of Soviet Communism had everything to do with the emergence of Islamofascism as a political force“ (Podhoretz 2007: 6). In der deutschen Öffentlichkeit kommt dieser Konsequenz einzig Henryk M. Broder gleich. So sehr er sich auch daran erfreut, seiner Kritik der Appeasement-Politik der EU etwas Läppisches beizumischen — und das ist dieser Politik auch durchaus adäquat, anders kann sie gar nicht beschrieben werden —, es geschieht auch das vor dem ständig präsent gehaltenen Hintergrund einer sich verschärfenden Konfliktlage und heranrückender politischer Katastrophen. Indem er das zentrale Problem, die Frage der Gewalt, im Blick behält, trägt er am striktesten den Erfahrungen der verfolgten Juden Rechnung. Dadurch gewinnen seine Kommentare, die aller Theorie entsagen, immer wieder scharfe Konturen und die Kraft der Kritik, vor allem, wenn sie den Wahn der Linken denunzieren. In Deutschland neokonservative Ideen zu vertreten, hat zwangsläufig humoristische Aspekte — das liegt in der Natur der Sache, nämlich in der Abhängigkeit des Liberalismus von der Westbindung. Was hier als neokonservativ erscheint, ist oft genug nur das Bedürfnis, witziger als die altväterischen Liberalen zu sein, aber eben darin zeigt sich jene Heteronomie. Hannes Stein, dem ernsthafte Interventionen gegen die „Anti-Westler“ zu danken sind, schreibt zugleich forciert humoristische Texte, in denen dieselben dann als kautzige Vertreter des Allgemein Menschlichen figurieren. Und am stärksten ist diese Tendenz in Richtung Wilhelm Busch nicht zufällig bei denen, die sich aus Gründen der Identitätsstiftung von allem, was antideutsch klingt, reinigen müssen. Wishfull thinking ist auch in diesem Fall die Crux des Liberalismus. Dessen Grenzen werden nur soweit erfaßt, als sie Anlaß geben, über Apokalyptiker zu spotten, womit unterschiedslos Heidegger und Adorno, deutsche Ideologie und antideutsche Kritik gemeint sein können. Denn nichts darf eigentlich bedrohlich erscheinen, sonst wäre der Zweifel an der prästabilierten Harmonie schon zu groß, um die es offenbar unter allen Umständen geht. In zugespitzten Situationen stellt sich aber immer die Frage der Priorität, und sie lautet hier: Apologie der Gesellschaft oder Kampf gegen den Antisemitismus. Um die Feinde des Liberalismus, die sich regelmäßig als Antisemiten zusammenrotten, zu entlarven, braucht es allerdings der Fähigkeit zur Enttäuschung, damit zumindest der Optimismus der Liberalen als Zweckoptimismus durchschaut werden kann. Ihre Grundlage mag düster sein wie bei Irving Kristol: „in some respects this world we live in is, in fact, a hell“ (Kristol 1983: 317). Zum Glück gebe es Amerika, sagen sich aber Kristol und die amerikanischen Neokonservativen: Als realitätstüchtige Patrioten halten sie damit hoffnungsfroh ihre zutiefst pessimistische Anthropologie in Schach. In Europa gibt es nicht einmal diese, in Wahrheit sehr vage Perspektive, die ein Hegemon wie die USA eröffnet. Wie sollte da Broder, nur scheinbar humorvoll, aber „mugged by reality“, den „Selbsterhaltungstrieb“ europäischer Bürger in Anbetracht der islamischen Bedrohung anders beurteilen: „Sie nehmen die Wirklichkeit wahr, schalten aber einen Filter dazwischen, was kurzfristig durchaus vernünftig ist, um nicht gleich von der Klippe springen zu müssen.“ (Broder 2006: 158f.) |
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